Krisenfeste Gemeinschaften: Ethnische Homogenität und kulturelle Identität als Erfolgsfaktoren

Veröffentlicht am 7. Dezember 2012by

Der Soziologe Curt Stofferahn hat den Wiederaufbau in der Stadt Northwood im US-Bundesstaat North Dakota nach einem Tornado 2007 untersucht und dabei feststellt, daß ethnische Homogenität und kulturelle Identität der vorwiegend norwegischstämmigen Bewohner zur besonderen Krisenfestigkeit der Stadt entscheidend beigetragen hätten.

Bezüglich des Faktors ethnische Homogenität hebt Stofferahn die norwegische Herkunft vieler Einwohner hevor, auf deren Grundlage ein robustes Gemeinschaftsleben entstanden sei:

Being Norwegian wasn’t the sole reason for the success, however. Being similar was, too. “With so many having farm backgrounds, they had more self-reliant skills,” Stofferahn said. “And the people were so intertwined socially in clubs, organizations, school, churches and families that they got along with each other and trusted each other…….“There was very little controversy and conflict because of the high degree of trust from those relationships. This is a town where residents don’t lock their doors or their cars.”

Stofferahn spricht vom “kulturellen Kapital” der Bewohner der Stadt, deren Identitätsverständnis Krisenfestigkeit begünstigt habe:

The locals “defined themselves as self-reliant, independent, hardy, tough Norwegians with a strong work ethic who wouldn’t give up to adversity,” Stofferahn said. “It’s built into their culture.

Stofferahn vergleicht die Krisenfestigkeit Northwoods mit den Verhältnissen im multiethnischen New Orleans nach dem Sturm Katrina 2005 und hebt hervor, daß ethnische Vielfalt die Bewältigung von Krisen erschwere. Wie der Soziologe Robert Putnam nachgewiesen hatte, führt ethnische Vielfalt zum Abbau kultureller Substanz nicht nur in der Gesamtgesellschaft, sondern auch bei den einzelnen ethnischen Gruppen.

Auch andere Beispiele zeigen, daß ethnische Homogenität zwar ein notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung für krisenfeste Gemeinschaften ist. Es kommt darüberhinaus auch auf die Identität einer Gemeinschaft an. Das ethnisch homogene Japan war z.B. auch aus kulturellen Gründen in der Lage, die Erdbeben- und Tsunamikatastrophe von 2011 rasch zu bewältigen, während das ebenfalls ethnisch relativ homogene Haiti nach einem Erdbeben 2010 trotz massiver Hilfe von außen auch kulturell bedingt dazu nicht fähig war.

Aus diesen Beobachtungen folgt, daß eine noch zu schaffende Struktur zur nichtstaatlichen Krisenvorbereitung in Deutschland nicht nur ethnisch homogen sein müsste, sondern vor allem auch die geistigen Grundlagen von Krisenfestigkeit im Sinne eines belastbaren Identitätsverständnisses zu stärken hätte.

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10 Antworten zu Krisenfeste Gemeinschaften: Ethnische Homogenität und kulturelle Identität als Erfolgsfaktoren

  1. Ja, ich erinnere mich noch. In der Bundeswehr wurde er damals relativ viel gelesen, allerdings in einigem Abstand hinter dem fast zeitgleich eingestellten “GeoPowers” und dem mittlerweile wieder auferstandenen “Augen Geradeaus” sowie dem immer noch bestehenden “Bendler Blog”, die alle von namentlich bekannten Autoren geschrieben wurden bzw. werden. Anonyme Autorenschaft schränkt die Glaubwürdigkeit eines Blogs zwangsläufig ein, aber umgekehrt können sich die Autoren gerade deshalb umso offener äußern, und wenn ein Blog ausschließlich wegen seiner Inhalte und seines Stils auf Interesse stößt und nicht wegen Rang und Namen seiner Autoren, spricht das ja nicht unbedingt gegen den Blog.

  2. F451 schreibt:

    Wenn mich nicht alles täuscht, hieß der damals Weblog Sicherheitspolitik.

  3. @F451
    Vielen Dank. Wie genau hieß dieser Blog?

  4. F451 schreibt:

    Ich wollte eigentlich nur mal ein allgemeines Lob hier anbringen. Kühl, sachlich, faktenreich, ohne überflüssige emotionale Ausbrüche. Erinnert mich an einen leider untergegangenen geopolitischen Blog aus dem Sicherheitsbereich. Hoffe ihr macht noch lange weiter mit eurer guten Arbeit!

  5. @Rasputin
    Wissenschaftlich traut sich leider kaum jemand direkt an die Frage möglicher soziobiologischer Zusammenhänge zwischen Herkunft und Kultur heran. Die Antwort auf diese Frage wäre aber höchst relevant für diverse weltanschauliche Diskussionen. Wenn Kultur z.B. eine reine Willensentscheidung wäre, zu der alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben, dann wären universalistische Vorstellungen z.B. möglicherweise wirklichkeitsgerecht und müßten nicht zwangsläufig scheitern.
    Soweit ich die Diskussion aber als Laie überblicken kann, ergibt sich für mich folgendes Bild (Beispiele und Quellen reiche ich bei Bedarf gerne nach):
    1. Menschliches Verhalten hat eine starke biologische Komponente.
    2. Gruppen von Menschen waren teilweise über zehntausende Jahre voneinander isoliert und haben sich in dieser Zeit an unterschiedliche Naturbedingungen unterschiedlich angepasst. Daß diese Anpassung nicht nur äußerliche Aspekte beinhaltet, sondern auch Verhalten betrifft, ist möglich und sogar wahrscheinlich. Interessant dazu: Wenn man bei Spiegel Online verstanden hätte, was diese Meldung über die genetischen Veränderungen bei Europäern in den vergangenen zehntausend Jahren im Kern aussagt, hätte man sie vermutlich nicht veröffentlicht: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/erbgut-des-menschen-veraenderte-sich-stark-in-juengerer-vergangenheit-a-869936.html
    3. Diverse psychologische Vergleichsstudien belegen ähnliche kulturelle Muster, Verhaltenspräferenzen etc. bei Gruppen ähnlicher Herkunft, und zwar auch dann, wenn zwischen den Gruppen keine direkte kulturelle Verbindung besteht (etwa zwischen den Nachkommen afrikanischer Sklaven in den USA und Schwarzafrikanern in Afrika)-
    Es spricht m.E. vieles dafür, daß Menschen und Gruppen von Menschen zumindest in dieser Hinsicht eben nicht alle gleich sind, sondern sich auf einer Ebene voneinander unterscheiden, die durch menschliches Handeln nur teilweise ansprechbar ist.
    Spätestens an diesem Punkt leidet die Diskussion des Themas an mangelndem Wissen. Was dem Willen des Menschen ggf. unterworfen ist und in welchem Grad, und von welchen Faktoren dies wie beeinflusst wird, ist unbekannt. Trennscharfe Abgrenzungen scheint es zudem nicht zu geben, nur Tendenzen.
    Thesen, die alles Geschehen in der Welt auf biologische Unterschiede zurückführen oder die Menschheit in biologisch höher- und niedrigerwertige Menschen aufteilen, stützt die Forschung nicht. Sie stützt aber ebensowenig die Milieutheorien, die im anderen Extrem davon ausgehen, daß Menschen beliebig durch die Gesellschaft formbare Gegenstände seien.

  6. Rasputin schreibt:

    Nachtrag: Es ist wohl doch etwas komplizierter. Schauen wir uns beispielsweise uns Deutsche an, dann kann es schon zu Unterschieden in der Mentalität kommen, wenn man ins nächste Bundesland fährt. Obwohl die biologische Grundlage, auf die der NS ja letztlich die Deutschen reduzierte, nahezu identitisch war, entwickelten sich doch verschiedene Kulturen und Mentalitäten innerhalb eines größeren Ganzen. Deswegen ist es auch so schwierig, eine entsprechende fixe Grenze zwischen “zugehörig” und “nicht zugehörig” zu ziehen. Rein biologisch wäre dies ein Ding der Unmöglichkeit; man würde sich schnell in Widersprüche verstricken und ungerecht handeln. Biopolitik lehne ich aus diesem Grunde ab, denn es gehört sich für einen anständigen Staat, möglichst alle Ungerechtigkeiten von seiner Seite zu unterlassen.

    Und eben genau hier kommt die Kultur als IDEALWERT ins Spiel. Unabhängig davon, daß wir noch nicht genau wissen, wie eine Menschenpopulation “funktioniert”, erkennen wir, dass sie von anderen abgrenzbar ist und einzigartige identitäre Werte entwickelt hat. Diese zu erhalten, ist unser Ziel, was, wie jedes Ideal, einen irrationalen Kern hat, der aber umschlossen ist von dem Wissen, daß es richtig ist, was wir tun. Wenn wir also argumentieren – und wir argumentieren gut -, argumentieren wir für die Richtigkeit unseres Ideals. Das Ideal selbst müssen wir aber aktiv leben; das tut die DNA nicht für uns. Auch nicht der Rest des Volkes. An Kultur teilzuhaben, ist immer ein aktiver und lebendiger Prozess. Er kann individuell oder kollektiv sein, aber jedem dieser Prozesse geht zumindest eine individuelle Entscheidung voraus. Diese Entscheidung wird bestimmt dadurch, welchen Idealen das Individuum folgt. Es sind geistige Prozesse, nicht biologische, die diesem Vorgang vorausgehen.

    Am Ende steht immer der Wille zum Ideal, und unabhängig von der DNA des Menschen kann dieser Wille mehr oder weniger ausgeprägt sein. Deswegen sehen wir, wie jene Menschen, die die NS einst die Herrenrasse nannten, derweil ihre eigene Kultur mit Füßen treten, einem ungeistigen Konsumwahnsinn hinterherrennen und jedem dahergelaufenen Moralisten brav das Pfötchen geben, ohne sich auch nur ansatzweise um die Erschaffung einer vollwertigen Persönlichkeit, die sich selbst völlig bewusst und für Kulturschöpfung notwendig ist, zu bemühen.

    Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet erscheint die biologische Abstammung zunächst zweitrangig, oder sehe ich das vielleicht völlig falsch? Ich würde mich auf jeden Fall über Antworten freuen, ordentliche Gesprächspartner zu diesem Komplex zu finden ist nicht so einfach heutzutage, in unserer fanatischen Welt. 😉

    Rasputin

  7. Rasputin schreibt:

    @ Martin

    Gerade dieses Blog sticht eigentlich heraus, wenn es darum geht, eben keine einseitige Sicht auf diese Thematik zu pflegen. Siehe dazu den Artikel zur Populationsgenetik, der auch sehr interessant ist. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich vorteilhaft, auch einmal die geistig-empirischen Faktoren einer Volkswerdung zu beleuchten. Dies ist mit “ethnokultureller Identität” bestens zusammengefasst.

    Ansonsten hast du natürlich recht – rein empirisch funktioniert der Mensch nicht, das wurde nun, spätestens seit Beginn der genetischen Wissenschaften und der Entdeckung der DNA, mehrfach und auf mannigfaltigste Art und Weise von verschiedensten Personen aus verschiedensten Zweigen bestätigt. Einige Wirtschaftszweige, wie die Pharmaindustrie, könnten ohne diese Erkenntnisse nicht optimal verkaufen, etc. Die Genetiker vermuten auch, habe ich vor etwa einem halben Jahr sogar auf einem BRD-nahen Nachrichtenportal gelesen, daß selbst Erinnerungen vererbt werden können. Insofern hast du selbstverständlich recht, daß man eine genetisch abgrenzbare Population nicht mal eben die Kultur einer anderen Population anerziehen kann, ohne daß es zu Unterschieden in Mentalität und Verhalten kommen würde.

    Wer das glaubt, hat wohl ein völlig absurdes Menschenbild und wenig Bildung auf dem Gebiet.

  8. Man kann vielleicht nicht Haiti zu Japan machen, aber wie die kulturelle Entwicklung in Deutschland m.E. zeigt, sind die von Stofferahn genannten kulturellen Faktoren, die Gemeinschaften krisenfest machen, nicht nur naturgegeben. Wenn man sie nicht pflegt, können sie verfallen.

  9. Martin K. schreibt:

    Ich glaube nicht das Curt Stofferahn ernsthaft glaubt das man Haiti zu Japan machen könnte indem man da ein bisschen an der “Kultur” schraubt, was auch immer dieser schwammige begriff “Kultur” überhaupt sein soll. Er redet da um den heissen brei drumrum.
    Japan ist Japan wegen der Japaner. Deren Kollektives verhalten ist deren “kultur”, wenn man jetzt das verhalten mit der “kultur” erklärt, dann dreht man sich im Kreis.

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